Man sah nicht viel, weil der Regen und die Dunkelheit die Sicht behinderten. Aber das, was man sah, war rührend. Und das ist durchaus erstaunlich, denn Rührung ist nicht unbedingt ein Gefühl, das man in so einem Moment erwartet. In einem Moment, der schlimm hätte enden können. Aber diesmal war es anders.
Als wir uns am Mittwoch um ca. 22.30 Uhr auf dem Weg nach Istanbul befanden, krachte ein Auto von uns (Vroni) in ein vorausfahrendes fremdes Fahrzeug, das, gefahren von einem Türken, abrupt die Spur wechselte, ohne diese Richtungsänderung anzuzeigen. Das Heck des vorausfahrenden Fahrzeugs war zerschmettert, die Front unseres Autos einseitig zerquetscht, Rauch drang aus der Motorhaube. Die Teamkollegen hatten sich sofort nach Insassen unseres Unfallfahrzeugs umgesehen. Nichts geschehen. Glücklicherweise! Nach einigen Minuten stieg unser Fahrer aus. Doch ehe er sich den Unfallort ansah, sah er sich nach dem fremden Fahrer um, dem Türken, um sich zu vergewissern, dass ihm nichts passiert ist. Und sich bei ihm zu entschuldigen.
Die Polizei liess ca. 1.5 h auf sich warten. Eine lange Zeit, wenn es kalt und nass ist und wenn man müde wird. Die Unfallaufnahme durch die türkische Polizei war schwierig. Zumal der türkische Fahrer behauptete, nicht er, sondern sein inzwischen dazugestossener Kollege sei der Fahrer gewesen. Wir haben den Polizisten den Sachverhalt zu erklären versucht. Fast unmöglich, hätten wir nicht ihr Handy mit Google translate benützen dürfen. Auch so nicht einfach.
Der Rapport brachte dann Gewissheit: Der Türke wies einen Promillewert von ca. 0.90 auf, unser Fahrer selbstverständlich 0.00. Die Sache scheint damit abgeschlossen.

Dieser Vorfall war der Moment, in dem die Reise etwas von ihrer Unbeschwertheit verlor. Man kann das bedauern, und es ist nicht auszuschliessen, dass sich damit die Ausgangslage in unserem Team etwas änderte. Aber diese Einschätzung ist unvollkommen und unfair. Es war nämlich auch der Moment, in dem sich zeigte, wie nah unser Team in schwierigen Situationen zusammensteht. Das Team Judo goes Orient präsentiert sich mitunter auch darum in bester Verfassung, weil es ein Team bestehend aus Freunden ist. Und weil es, jedenfalls in aussergewöhnlichen Situationen, besser als die anderen Teams funktioniert. Genaugenommen kein Novum. Beeindruckend allemal.

So war’s auch am Donnerstag, am Tag nach dem Unfall, nach einer kalten, unbequemen und kurzen Nacht. Das Team hatte nur wenig Zeit, das Auto zu reparieren. Und als wir schliesslich nicht mehr weiter wussten, waren türkische Arbeiter zur Stelle, die uns ihre Hilfe anboten. Sie schleppten uns in eine Garage ab und reparierten unser Auto. Lediglich unterbrochen durch Tee- und Fotopausen.

Wenn die anderem Rallye-Teams sich gegen uns eine Chance bewahren wollen, müssen sie den einzigen Vorteil nutzen, der ihnen geblieben ist: Das Team Judo goes Orient besteht aus sechs Personen, und sie, die restlichen Teams, sind zahlreich, ungefähr 150 Personen.

Auch solche Geschichten gehören zum Alltag der Allgäu-Orient Rallye – und dennoch bleiben sie hoffentlich nur ein Randgeschehen, das dieses mal ein gutes Ende fand.

Share This